
Auf meinem Weg nach Krefeld führte mich der Weg auch durch den historischen Stadtteil Linn – und damit direkt zur gleichnamigen Burg. Was ursprünglich nur als kurzer Zwischenstopp geplant war, entwickelte sich überraschend zu einem nahezu ganztägigen Aufenthalt.
Schon der Zugang zur Burg ist ein Erlebnis: In unmittelbarer Nähe liegen die alten mittelalterlichen Gassen von Linn, und die Burg selbst ist von weitläufigen Grünanlagen umgeben. Sobald man den Park durch die historische Pforte betritt, lässt man die Hektik des Alltags hinter sich zurück. Nach wenigen Schritten zeichnen sich die ersten Konturen der mächtigen Wasserburg ab – einer der ältesten und besterhaltenen Anlagen dieser Art am gesamten Niederrhein.
Eine Festung im Wandel der Jahrhunderte
Die Geschichte des Ortes reicht vermutlich bis ins 1. Jahrhundert zurück. Zunächst stand hier eine Motte, ein künstlich aufgeschütteter Hügel mit hölzernem Wehrturm – die früheste Form mittelalterlicher Befestigungen.
Von einer Motte zur Ritterburg

Im späten 12. Jahrhundert ließ der Kreuzritter Otto von Linn diese Motte zu einer wehrhaften Backsteinburg ausbauen. Eine echte Besonderheit ist die leicht sechseckige Grundform der Kernburg. Diese seltene Bauweise geht auf byzantinische Einflüsse zurück, die Otto während des Dritten Kreuzzugs im Nahen Osten und in Kleinarmenien kennengelernt hatte.
Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Anlage zur kurkölnischen Landesburg und wechselte mehrfach die Besitzer, darunter die Grafen von Kleve und das Kurfürstentum Köln. Dabei wurde die Burg stetig erweitert: Es entstanden eine gotische Burgkapelle, eine wuchtige Außenringmauer und ein ausgeklügeltes Grabensystem.
Zerstörung und Wiederaufbau
Das Jahr 1702 markierte einen dramatischen Wendepunkt der Burggeschichte. Während des Spanischen Erbfolgekrieges belagerten kaiserliche Truppen die Festung und nahmen sie unter schweren Beschuss. Die Anlage brannte völlig aus und verlor jede strategische Bedeutung. Mehr als zwei Jahrhunderte lang blieb die Hauptburg eine Ruine, während der markante, runden Bergfried zeitweise als Gefängnis genutzt wurde.
Während die Hauptburg verfiel, entwickelte sich die Vorburg weiter. Das 1488 errichtete Back- und Brauhaus wurde im 18. Jahrhundert vom Kölner Kurfürsten Clemens August zu einem prachtvollen, gelb leuchtenden Jagdschloss umgestaltet.

Die Rettung durch die Seidenbarone
Im Jahr 1839 übernahm die einflussreiche Krefelder Seidenhändlerfamilie de Greiff das Anwesen. Sie bewahrte die Ruine vor dem Verfall und dem drohenden Steinraub. Mehr noch: Die Familie bezog die alten Festungswälle aus dem 16. und 17. Jahrhundert geschickt in einen neu angelegten, englischen Landschaftspark ein. Das Schloss diente ihnen fortan als Sommersitz und in den kalten Monaten als herrschaftliches Jagdhaus.
In den 1920er Jahren ging das gesamte Areal schließlich in den Besitz der Stadt Krefeld über. In einer groß angelegten Aktion in den 1950er Jahren wurde die Hauptburg nach historischen Plänen aufwendig rekonstruiert. Heute können Besucher wieder den Rittersaal, die Wehrgänge und die historischen Gemächer besichtigen.

Ein Ort der Gegenwart mit gelebter Geschichte
Die verschiedenen Epochen der Anlage lassen sich heute hervorragend in den drei Museen des Museumszentrums nachvollziehen, die alle mit einem einzigen, wirklich günstigen Kombinationsticket besucht werden können:
Das Archäologische Museum: Hier wird die Entwicklung der Region von der Steinzeit bis ins frühe Mittelalter lebendig dokumentiert. Das absolute Highlight der Ausstellung ist ein 16 Meter langer, karolingischer Rheinkahn aus dem 9. Jahrhundert – ein spektakulärer Fund aus der Zeit Karls des Großen.



Die Hauptburg: Sie vermittelt nicht nur Wissenswertes über mittelalterliche Architektur, sondern lässt auch den Alltag der Ritter hautnah spürbar werden. Neben originalen Rüstungen, Waffen und Fundstücken aus den historischen Belagerungen wartet hier ein weiteres Highlight: Der Aufstieg auf den Bergfried belohnt mit einer grandiosen Aussicht über Linn und das Umland.



Das Jagdschloss: Hier schlendert man durch original eingerichtete Zimmer des Adels und des Bürgertums aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Besonders sehenswert sind die traditionelle niederrheinische Bauernküche sowie eine kostbare Sammlung historischer Musikinstrumente.

Preishit für Kulturfans: Das Ticket für diese drei Museen kostet gerade einmal 8 Euro – ein fantastisches Preis-Leistungs-Verhältnis für das, was geboten wird!
Krefelder Seidenstränge: Das Deutsche Textilmuseum
Wer noch etwas tiefer in die Identität der Stadt eintauchen möchte, investiert weitere 2 Euro für das vierte Museum im Bunde: Das Deutsche Textilmuseum, das sich nur wenige Gehminuten von der Burg entfernt direkt am Linner Marktplatz befindet.
Krefeld war einst als „Samt- und Seidenstadt“ weltberühmt. Das Museum beherbergt eine der international bedeutendsten Sammlungen historischer Textilien, Kleidung und Stoffe aus allen Epochen und Kulturkreisen der Welt. Ein lohnenswerter Zusatzstopp!
Romantik, Kulinarik und Ritterspiele

Heute ist die Burg Linn längst kein reines Museum mehr, sondern ein lebendiger Treffpunkt. Wie vielseitig das Leben rund um die Festungsmauern ist, zeigen die folgenden Beispiele:
- Der Linner Flachsmarkt: Einmal im Jahr wird es richtig trubelig. Jedes Jahr zu Pfingsten findet rund um die Burg der legendäre Flachsmarkt statt – einer der größten Handwerker- und Rittermärkte Deutschlands. Hunderte von Handwerkern, Schmieden, Gauklern und Rittern lassen dann traditionelle, fast vergessene Künste und spektakuläre Turniere wieder aufleben.
- Hochzeitsträume: Wegen der märchenhaften Kulisse ist die Burg ein extrem beliebter Ort für Trauungen. Besonders im „Wonnemonat“ Mai herrscht hier Hochbetrieb – da kann es durchaus vorkommen, dass sich zwei oder drei Hochzeitsgesellschaften gleichzeitig im Park tummeln.
- Kulinarische Pause: Für das leibliche Wohl sorgt ein gemütliches Restaurant direkt auf dem Gelände. Hier bekommt man neben deftiger, gutbürgerlicher Küche auch hervorragende italienische Gerichte serviert – ideal für eine Pause im Grünen.
Mein Fazit
Was eigentlich nur als kurzer Abstecher am Wegesrand geplant war, entwickelte sich zu einem rundum gelungenen, spannenden Tagesausflug voller Geschichte, Kultur und Natur. Krefeld-Linn hat mich völlig unerwartet begeistert. Ich bin unheimlich froh, dieses wunderschöne, geschichtsträchtige Kleinod am Niederrhein für mich entdeckt zu haben!



Praktische Infos:
Adresse & Kontakt
Museum Burg Linn
Rheinbabenstraße 85, 47809 Krefeld
Website: museumburglinn.de
Öffnungszeiten
Die Museen (Burg, Jagdschloss und Archäologisches Museum) haben von Dienstag bis Sonntag geöffnet (montags geschlossen, außer an bestimmten Feiertagen). Die Zeiten wechseln je nach Saison:
Sommerzeit (1. April bis 31. Oktober): 10:00 – 18:00 Uhr
Winterzeit (1. November bis 31. März): 11:00 – 17:00 Uhr
Hinweis: Im gesamten Dezember sowie während des Flachsmarktes an Pfingsten bleibt das reguläre Museumszentrum geschlossen (an Pfingsten ist die Burg nur als Teil des Marktes zugänglich).
