Eine Sage aus Monheim
Vor über vierhundert Jahren, in einer Zeit, in der noch viel von Hexen und Zauberern berichtet wurde und Eifrige nach ihnen Ausschau hielten, um sie zu richten, gab es einen Mann, der all dem finsteren Ernst etwas entgegensetzte: einen Spielmann, der jeden Sommer aus der Gegend jenseits des Rheins nach Monheim kam.
Niemand wusste, wo er genau lebte oder woher er stammte. Aber alle kannten ihn unter einem einzigen Namen: „der alte Gott“ – benannt nach einem Lied, das er mit großer Freude sang und das mit den Worten begann: „Der alte Gott lebt noch.“
Über viele Jahre hinweg kam er jeden Sommer an den Rhein, und allein sein Erscheinen löste Freude aus. In ihm sahen die Menschen die freundliche, heitere Seite des Lebens. Sie freuten sich auf seine Geige, seine Späße und seine Geschichten. Viele erinnerten sich daran, wie sie ihm schon als Kinder zugehört hatten. Und wie die Schwalben im Frühjahr war auch er eine verlässliche Konstante in ihrem Leben.
Doch nicht alle waren begeistert. Die eifrigen Hexenjäger jener Zeit misstrauten allem, was sie nicht verstanden. Und der Spielmann, der mit seinen Taschenspielertricks und seiner Musik die Leute zum Lachen brachte, war ihnen unheimlich. Gutmütige Menschen warnten ihn immer wieder, vorsichtig zu sein. Doch er lachte nur und spielte weiter.
Im Sommer 1615, zur Monheimer Kirmes, war der Rhein wegen einer langen Dürre so niedrig, dass man ihn an einer bekannten Stelle zu Fuß durchqueren konnte. Am Sonntag nach der Messe standen viele Menschen am Ufer und staunten über den ungewöhnlich niedrigen Wasserstand.

Da kam der Spielmann – und als er die Menschenmenge auf der anderen Seite sah, packte ihn der Übermut. Anstatt sich übersetzen zu lassen, stieg er einfach in den Rhein, hielt seine Geige über Wasser und spielte mit faszinierender Leichtigkeit, während er durch den Fluss schritt. Das Wasser reichte ihm stellenweise bis zu den Schultern, doch er fiedelte, als stünde er mitten auf dem Tanzboden.
Die Leute jubelten. So etwas hatte in Monheim noch niemand gesehen.
Doch am nächsten Morgen stand Pater Servaz, ein besonders eifriger Predigermönch, beim Amtmann und verlangte, den Spielmann wegen „Teufelskunst“ festzunehmen und anzuklagen. Niemand könne, so behauptete er, ohne dämonische Hilfe unbeschadet durch den Rhein gehen und dabei noch Geige spielen.
Der Amtmann Heinrich von Lohhausen war jedoch ein vernünftiger Mann. Er erklärte, dass man bei diesem niedrigen Wasserstand sehr wohl ohne Zauberei durch den Rhein waten könne. Allerdings sei es leichtsinniger Mutwille, dabei auch noch zu spielen – denn mit Naturgewalten scherze man nicht.
So verurteilte er den Spielmann zu sechs Tagen Gefängnis und zehn Schilling Strafe. Hart genug für einen harmlosen Spaß – aber es rettete dem Mann vermutlich das Leben. Wäre er in die Hände des geistlichen Gerichts geraten, hätte ihn Folter und der Scheiterhaufen erwartet.
Seitdem ist der Rhein noch oft niedrig gewesen. Doch kein Spielmann hat sich je wieder geigend hindurchgewagt.
Und wenn heute Menschen am Ufer stehen und behaupten, der Rhein sei noch nie so seicht gewesen, dann erzählt man ihnen gern die alte Geschichte – und erinnert sie an den Spielmann, den alle nur „den alten Gott“ nannten.
Ein herzlicher Dank an Jens Graf aus Monheim für die Anregung, diese Sage auf der Webseite aufzunehmen.
