Taube Ludwig in der Bäckerei

 

Die Taube Ludwig lebte in einer Vorstadt nicht weit von hier. Eigentlich war Ludwig eine ganz normale Taube. Erst wenn man genauer hinschaute, sah man, dass irgendetwas anders war bei Ludwig. Er war aschgrau bis beinahe schwarz und seine blau-grauen Knopfaugen funkelten abenteuerlustig.

Nach seiner Geburt wuchs Ludwig versteckt unter den Vorsprung auf dem Dach einer Bäckerei auf. Sein Nest befand sich in der Nähe der Belüftungsanlage des Hauses. Das hatte einen großen Vorteil. Denn die Hitze aus der Bäckerei wurde hier in die Luft gepumpt. Dadurch war das Nest immer mollig warm. Außerdem duftete es lecker süßlich nach frischem Gebäck. So wuchs Ludwig gewärmt und träumend, eingehüllt in leckeren Brötchen- und Kuchenduft, auf.

Die Bäckersfrau schüttete jeden Morgen die Reste von den Kuchenblechen beim Hintereingang auf den Hof. Was für ein köstlicheres Frühstück konnte man sich als Taube vorstellen? Ludwig liebte einfach sein Zuhause.

Doch auch Tauben werden größer. Bald war es soweit, dass Ludwig flügge wurde und selbst für seine Unterkunft und sein Essen sorgen musste. Die Krümel vor der Bäckerei, die er morgens erhaschen konnte, waren nicht mehr genug. Deshalb beschloss Ludwig, sich in der Welt näher umzusehen.

Er war noch nie sehr weit weg von der Bäckerei gekommen. Frohen Mutes machte Ludwig sich auf seinen Erkundungsflug. Er flog fasziniert über die Dächer der Stadt. Es gab so viele neue Dinge zu sehen. Die Kinder auf den Spielplätzen, die vielen Autos, die oft in langen Schlangen hupend hintereinander aufgereiht waren oder die Menschen in den Gärten.

Ludwig war so begeistert von der Stadt um ihn herum, dass er seinen Hunger vergaß. Erst als ihm beinahe schwindelig wurde, hörte er deutlich sein Magengrummen. Es war jedoch gar nicht so einfach etwas Essbares zu finden. Und es gab so viele andere Tauben. Nicht nur Tauben, da waren auch noch eine Menge anderer Vögel, wie die frechen Spatzen. Die waren ganz flink und besonders streitlustig.

Doch konnte Ludwig auf seinen Entdeckungsflügen hier und da etwas Essbares erhaschen. Ihm wurde immer deutlicher, dass sein altes Leben, seine schöne Kindheit vorbei waren. Was jetzt kam, war der Kampf, um zu überleben.

Eines Tages saß er wieder grübelnd und hungrig auf einer zugigen Zisterne in der Nähe seines Geburtshauses. Ihm war kalt und wie gewöhnlich grummelte sein Magen vor sich hin. Er träumte von Krümeltorten, die dreimal so hoch waren wie er selbst. Da plötzlich kam ihm eine Idee. Warum hatte er da nicht früher daran gedacht?

Wenn er nun … , schon allein der Gedanke erwärmte ihn und hüllten ihn in einen Mantel wohligen Behagens, wenn er nun in die Bäckerei hineinkommen könnte. Wo so viele Krümel jeden Tag von den Blechen geschüttet werden, da muss doch noch viel mehr sein. Was heißt viel mehr – nein viel, viel, viel mehr! Aufgeregt hüpfte Ludwig hin und her. Ihm wurde jetzt abwechselnd heiß und kalt. Dabei grummelte sein Magen im Takt.

Immerhin war er auf dem Dach der Bäckerei aufgewachsen. Er kannte das Haus wie beinah kein anderer Vogel in der Umgebung und dazu noch den genauen Tagesablauf in der Bäckerei. Die Katze war vielleicht ein Problem. Aber deren Gewohnheiten hatte Ludwig lange genug beobachtet, um zu wissen, wann sie ihm nicht in die Quere kam.

Warum ist auf diesen Gedanken noch niemand vor ihm gekommen? Sicher war es nicht ganz ungefährlich. Aber der Lohn der dafür winkte, war doch zu verlockend. Er hatte noch von keiner Taube gehört, die in eine menschliche Behausung oder selbst in eine Bäckerei geflogen war. Vielleicht klebten Kuchenkrümel überall an den Wänden und lagen aufgetürmt die Brote, um darauf zu sitzen. Ludwig träumte seinen Krümeltraum, wo alles aus Krümeln von Kuchen und Brot bestand. Dabei wurde sein Hunger unerträglich groß und sein Magen krampfte sich immer weiter zusammen.

Er überlegte und überlegte. Das Ergebnis war immer dasselbe: erst musste er wissen, wie er in die Bäckerei kommt und dann wo er sich versteckten konnte. Um Hereinzukommen gab es drei Möglichkeiten. Die Erste war die sich in gleichmäßigen Abständen öffnende Eingangstür. Das war sicher mehr etwas für Menschen als für Tauben. Dann gab es da noch das Fenster der Backstube, welches zu bestimmten Zeiten geöffnet und geschlossenen wurde. Ludwig wusste genau zu welchen Zeiten dies war. Und die dritte Möglichkeit war der Schornstein der Entlüftungsanlage.

Ludwig beschloss, die sich ihn gebotenen Möglichkeiten zu kombinieren. Der beste Plan, den er bedenken konnte, war, dass er zum Fenster hineinflog und zum Schornstein wieder hinaus. Eigentlich war doch nichts leichter als das! Was konnte da noch schief gehen?

Am nächsten Morgen wartete Ludwig unter dem Fenster. Es war noch sehr zeitig und noch nicht hell. Die meisten Vögel schliefen noch. Er war so aufgeregt, dass er beinahe nicht mehr klar denken konnte. Schon die ganze Nacht hatte er keine Ruhe gefunden.

Da endlich ging das Fenster auf. Warme, lecker riechende Luft strömte nach draußen. Jetzt war seine Chance! Er wartete, bis er keine Stimmen und Schritte in der Bäckerei mehr hörte. Er wusste, dass jetzt viele gebackene Köstlichkeiten in den Verkaufsraum getragen und gefahren wurden.

Erst flatternd, dann kletternd, gelangte Ludwig auf die Fensterbank. Sein kleines Herz pochte wahnsinnig und schien ihn fast zu zerreißen. Angezogen vom süßen Duft tippelte er immer weiter. Niemand war zu sehen. Jetzt stand Ludwig bereits auf dem Tisch, der sich unter dem Fenster befand.

Ludwig schaute aufmerksam um sich. Er hörte Stimmen, aber kein Mensch war zu sehen. Noch besser, auch die Katze war nirgends zu erspähen. Seine Erleichterung ging mit einer Enttäuschung einher. Hier gab es gar nicht so viele Krümel. Eigentlich sah alles blitzblank aus. Aber hinten in der Ecke sah er jetzt doch ein ganzes Reck mit Kuchen und Torten. Die standen alle auf einem fahrbaren Untersatz. Hmmm …, er musste sich beeilen! Es war nur eine Frage der Zeit, wann auch diese Leckereien verschwinden würden.

Mit ein paar Flügelschlägen saß er auf dem Reck. Was war das? Die Tür ging auf! Singend kam die Bäckersfrau in den Raum. Sie hatte allerlei Sachen in der Hand. Ludwig konnte nicht genau sehen was, da er sich hinter dem Kuchen versteckte und schnell die Augen schloss. Das war eindeutig zuviel Aufregung für ihn. Sein Herz schien zu rasen. Jetzt nicht die Augen öffnen, dann ist alles vorbei, dachte Ludwig!

Die Bäckersfrau ging glücklicherweise schnell zurück in den Verkaufsraum. Ludwig atmete erleichtert auf. Jetzt ran an die Torten, dachte er nur noch. Mit großer Geschwindigkeit pickte er in die obersten Torten. Die Schlagsahne und die Creme und der Boden schmeckten großartig.

Ludwig fraß und fraß und pickte und pickte. Er probierte so viel wie möglich in sich hineinzuschaufeln. Sein Magengrummen war nun vorbei. Er fühlte sich voller und glücklicher. Und langsam kam ein Gefühl der Sattheit und gleichzeitig der Müdigkeit. Ludwig legte sich in eine halbausgepickte Torte. Er wollte nur ganz kurz ausruhen, um sich dann schnellstmöglich aus dem Staub zu machen. Doch er schlummerte kurz ein und träumte weiter von leckeren Riesentorten.

Taube Ludwig mit Torten bei Drachenwolke Gesfchichten

Plötzlich wurde er von einem schrillen lauten Geräusch aufgeweckt. Er erschrak und flatterte, wusste noch gar nicht, wo er genau war. Da hörte er die entsetzten Schreie der Bäckersfrau ganz in seiner Nähe. Oh, konnte dieser Mensch laut schreien, einfach fürchterlich, es ging durch Mark und Bein!

Ludwig war so erschrocken, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Er flatterte hin und her. Ängstlich probierte er den Schlägen der Bäckersfrau zu entkommen, die mit einem Besen bewaffnet auf ihn einschlug. Das Fenster stand noch offen und eigentlich wollte die Frau probieren, die Taube nach draußen zu vertreiben. Aber das glückte nicht! Ludwig hatte nur noch eins im Sinn: den Schornstein. Wo war nur der verflixte Schornstein, um aufs Dach zu kommen?

Taube Ludwig in der Bäckerei

Er flatterte aufgeregt hin und her. Stieß alle möglichen Pötte und Flaschen um, die ihm in den Weg kamen. Schrie aufgeregt und hörte die Schreie der Menschen: „Raus mit dem Drecksvieh, raus hier“. Eigentlich konnte man nicht sagen, wer mehr erschrocken oder aufgeregter war.

Ludwig flüchtete hinter ein paar große Papiersäcke. Das entging der Bäckersfrau natürlich nicht. Sie schlug mit dem Besen auf die Säcke, wodurch sich riesige große Staubwolken im ganzen Raum verbreiteten. Ludwig wurde ganz weiß. Er hörte die Stimme des Bäckers, der seine Frau anschrie: „Bist du jetzt ganz närrisch geworden!“. Ohne viel zu sehen, stritten nun die beiden miteinander.

Diesen Moment nutzte Ludwig aus und sah sich in aller Hast um. Der Mehlnebel lichtete sich langsam. An der Wand stand ein riesig glimmendes Monster. Das musste der Backofen sein. Aber als Fluchtweg oder Versteck schien er nicht geeignet. Eigentlich sah es hier alles ganz anders aus, als Ludwig gedacht hatte. Alles war furchtbar sauber und ordentlich angeordnet, ohne viele Versteckmöglichkeiten. Zwei Eimer mit Wischwasser standen jedoch noch in der Ecke.

Aber was war das? Oberhalb des Ofens, in der hinteren linken Ecke, hatte man eine große Kappe, ein Gitter und noch etwas abmontiert. Jetzt klaffte in der Wand ein großes schwarzes Loch. Wo auch immer dieses Loch hinführte, es musste ein guter Versteckplatz sein!

Wie ein Pfeil schoss Ludwig in das dunkele Loch. Hinter sich hörte er bereits wieder den Besen vorbeisausen und ein Aufschrei. Ludwig war plötzlich von Dunkelheit umgeben und knallte mit voller Wucht gegen eine Wand. Das tat wirklich weh! Vor Schreck probierte er, nach oben zu kommen. Wie auch immer, es glückte und die Dunkelheit nahm weiter zu. Dann knallte er schon wieder mit dem Kopf gegen eine Wand. Verdammt noch mal. Hört das gar nicht auf!

Noch im rechten Augenblick fühlte er, dass seitlich von ihm aus die Röhre weiterführte. Ganz automatisch schob er sich flatternd nach vorn in die Ungewissheit. Es wurde enger, jedoch konnte er stehen und kurz ausruhen, um nachzudenken.

Ludwig war wirklich am Ende seiner Kräfte. Er hörte die Bäckersleute gegen die Rohre schlagen. Jetzt kam auch noch der verhasste Besenstiel nach oben! Aber Ludwig saß sicher in seinem dunklen Gang, im Moment auf jedem Fall. Es war stickig. Langsam wurde er ruhiger, so, dass er ein paar klare Gedanken fassen konnte. Nach unten zu gehen war ausgeschlossen. Da wurde Hackbraten aus ihm gemacht. Also blieb ihm nur eine Möglichkeit. Er musste erkunden, wo das schwarze Loch hinführte.

Bevor er weiterging, wollte er sich jedoch etwas ausruhen. Er war müde und fühlte sich in Sicherheit. Außerdem hatte er das Gefühl, dass alles was er jetzt tun würde, nur das Falsche sein würde. Deshalb beschloss er, sich für kurze Zeit still zu halten und seine Kräfte zu sammeln. Ludwig schlief ein und hatte furchtbare Träume.

Plötzlich schreckte er empor. Ein durchdringendes Sausen hatte ihn aus seinen alptraumhaften Schlummer aufgeweckt. Was war das? Ein Rütteln und ein Pfeifen, alles drehte sich um Ludwig. Da fühlte er warmen Dampf und süßlichen Geruch aufsteigen. Nichts als weg hier, sonst würde er noch geröstet!

Er krabbelt und schob sich weiter in das schwarze Loch hinein. Ob er wollte oder nicht, es gab keine andere Möglichkeit. Widerwillig und doch panisch setzte Ludwig seinen Weg fort. Nicht die Wärme, sondern das ratternde Geräusch, machte Ludwig nervös. Stückchen vor Stückchen kam er voran. Er stieß wieder gegen eine Wand. Jetzt ging der offene Weg nur noch nach oben. Er schaute in diese Richtung und sah einen Tagesschimmer. Sein Herz pochte laut vor Glück. Flatternd und schiebend kämpfte er sich in Richtung der hellblauen Öffnung. Jetzt konnte er bereits kleine weiße Wölkchen erkennen.

Mit letzter Kraft kroch und schob er sich über den Rand der Esse. Luft! Wie gut war es, an der frischen Luft unter dem blauen Himmel zu sein! Er war frei! Eine große Erleichterung machte sich über ihn breit. Immer noch halb in der Esse hängend, schlief Ludwig ein. Das dröhnende Geräusch der Belüftungsanlage störte ihn nicht. Das war er bereits seit seiner Kindheit gewöhnt. Und die herausströmende warme Luft deckte Ihn wie eine Decke zu. Er fühlte sich gut.

Seit diesem unglücklichen Abenteuer machte Ludwig einen großen Bogen um das Fester der Bäckerei. Er fand es absolut abschreckend. Außerdem so viel gab es hier sowieso nicht zu holen. Ludwig gewöhnte sich jedoch seit diesem Abenteuer an, auf den Essen der Häuser zu sitzen und sich vom warmen Dampf aufwärmen zu lassen.

Einen einzigen Nachteil hatte seine Vorliebe jedoch. Seine Federn wurden dunkler und rußig und auch etwas schwerer. Das fand Ludwig nicht schlimm. Manchmal, wenn Ludwig stark mit seinen Flügeln flatterte, fiel sogar etwas Asche herab. Er hinterließ selbst manchmal eine graue Spur auf seinem Weg.

Dann sahen die Leute in Luft und sagten: „Oh schaut, da fliegt der Ludwig wieder!“. Für die Kinder war Ludwig der Glücksvogel der Stadt. Sie probierten, den herabfallenden Staub zu erhaschen. Genauso wie der Schornsteinfeger war Ludwig ihr Glücksbringer.

Taube Ludwig auf dem Schornstein der Bäckerei

Zurück zur Hauptseite Geschichten


Kommentare

Geschichte Taube Ludwig — Keine Kommentare

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

    Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.