Beginn der Reise

Früh im Stall

Eines Morgens kam Becky zur gewohnten Zeit in den Stall. Aber irgendetwas war heute anders. Anouk merkte es sofort an den schleichenden Schritten und der gebückten Haltung von Becky. Als Becky dann vor ihr stand, drückte sie den Finger auf die Lippen und machte leise „Pssss …“. Anouk guckte mit großen runden Augen, sie hatte doch gar keinen Mucks von sich gegeben. Becky flüsterte ihr aufgeregt ins Ohr „Heute gehen wir auf große Reise!“. Anouk schaute Becky mit noch größeren Augen an. Sie hatte jetzt ein ganz eigenartiges Gefühl und wusste nicht genau, ob das gut oder schlecht war.

Becky band Anouk einen dicken Strick um den Hals. Das empfand Anouk als echt unangenehm und sie muhte laut. Becky gab ihr einen Klaps und zog ihre Kuh mit dem Seil zum anderen Teil des Stalls, wo das Stroh lag. Hinter dem Stroh holte sie zwei Reisetaschen hervor, die aneinander gebunden waren. Bevor Anouk wusste wie ihr geschah, hatte Becky die ganze Bagage über ihren Rücken geworfen, so dass an jeder Seite eine Tasche hing. Anouk war sauer! Das war jetzt nicht mehr lustig! Sie schüttelte sich kräftig. Wäre es nicht Becky gewesen, hätte sie nach hinten und vorne ausgetreten.

Jetzt wurde Becky auch noch ärgerlich. „Sei doch ruhig, dummes Vieh“! Anouk guckte wieder, aber diesmal mit einen böswilligen Blinzeln. „Ich träume das, das kann nicht wahr sein“ dachte sie wütend. Noch absolut in Gedanken zog Becky sie nach draußen. Anouk war erleichtert. „Zumindest geht es auf die Weide!“, dachte sie „Aber warum kommen die anderen Kühe nicht mit?“.

Das erste Stück des Weges

Becky pirschte über den Hof. Im Schlepptau hatte sie Anouk, die sich nur widerwillig ziehen ließ. Es ging am Gemüsegarten vorbei, dem Speicher und dann zum Hinterausgang auf einen kleinen Weg. Dieser Weg führte an den Feldern entlang. An beiden Seiten war er von zwei kleinen Wasserarmen begrenzt. Ab und an standen niedrige Weiden am Weg und aus dem Wasser sprießte bereits hoch das Schilf.

Anouk zuckelte unwillig und immer noch beleidigt hinter Becky her. Hatte sie sich noch kurz zuvor auf die Weide gefreut, wurde ihre Laune jetzt wieder zusehends schlechter. Bockig blieb sie stehen. Die Weide war nämlich auf der anderen Seite vom Bauernhof. Das probierte sie Becky deutlich zu machen. Sie drehte ihren Kopf in die ersehnte Richtung.

Aber Becky wollte sie scheinbar nicht verstehen. Sie sah sowie etwas abgekämpft und müde aus. „Arme Becky“ dachte Anouk etwas versöhnlicher „aber ich will auf meine Weide!“. Becky’s Augen röteten und füllten sich mit Tränen. Sie flehte Anouk an „Anoukchen komm, wir müssen schnell, wenn uns jemand sieht!“. Als Anouk immer noch störrisch stehen blieb, wurde sie ärgerlich und zischte „Du hast ja keine Ahnung!“ und dabei schlug sie mit ihren Armen durch die Luft „Sie machen Hackfleisch aus dir, so und so, ganz klein – ganz, ganz klein“. Anouk war so überrascht, dass sie Becky nur noch anglotzte, die wie eine Wilde mit ihren Armen die Luft durchschnitt. Immer noch unwillig und nun total verwirrt ließ sich Anouk wieder hinterherziehen.

Die erste Pause

Als die  beiden bereits ein ganzes Stück gegangen waren und den Bauernhof nicht mehr zu sehen war, machten sie eine kleine Rast. Anouk hatte einen Riesenhunger. Becky setzte sich ins Gras und ließ Anouk auf dem Streifen zwischen Wasser und Weg grasen. Das Gras war saftig und Anouk mampfte und mampfte. Sie dachte gar nicht mehr an die Geschehnisse des Morgens, sondern spähte nur noch nach saftigen Kräutern und ließ es sich schmecken.

Becky nahm unterdessen ein Päckchen Orangensaft. Doch sie knabberte mehr am Trinkhalm, als dass sie wirklich trank. Die Aufregung des Morgens war ihr regelrecht auf den Magen geschlagen. Sie zweifelte, ob es wirklich richtig war, was sie tat. Für solche Gewissensbisse war es nun jedoch zu spät. Alles war geplant und eingefädelt. Sie hoffte nur, dass alles gut ging und redete sich selbst Mut ein. Alles würde sicher gut werden! Sie musste einfach optimistisch sein!

Becky schaute auf die Uhr und zog ihre Karte aus dem Rucksack. Wenn alles gut lief und ihre Planung richtig war, könnten sie es bis zum Spätnachmittag schaffen. Sie durften jedoch nicht zu lange Pausen machen! Mit Anouk zusammen ging es sowieso nicht schnell. Sie war viel mehr ein störrischer Esel als eine junge Kuh.

Seufzend atmete Becky tief ein und stand auf. Anouk hatte absolut keine Lust mehr weiterzulaufen. Sie hatte gerade so leckere Sachen zum Fressen gefunden! Außerdem war sie noch nie in ihrem Leben so viel gelaufen! Durch das energische Ziehen von Becky wurde ihr dann doch schnell klar, dass kein Widerspruch geduldet wurde. Widerwillig stampfte sie hinter ihrer Freundin her. Mit ihren Augen suchte sie aufmerksam die Umgebung ab. Naja, zugegeben es gab schon ein paar interessante Dinge zu sehen. Sicher als Kuh, die nicht weit weg vom Hof gekommen war. Die beiden liefen und liefen.

Anouk auf Reisen bei den Drachewolke Geschichten

 

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