Der Anruf

Becky konnte ihre Mutter nicht einfach nach der Telefonnummer von Vincent fragen. Sie hätte sich sicher mehr als gewundert und die Nummer nicht eher gegeben, bevor sie den Grund für den Anruf gewusst hätte. Und gerade das wollte Becky ja vermeiden.

Becky musste deshalb eine günstige Gelegenheit abwarten und dann ihre Chance nutzen. Die kam bereits am folgenden Abend. Als ihre Mutter wie gewöhnlich nach der Arbeit duschen ging und sich das Handy noch in der Innentasche ihrer Arbeitsjacke befand, warf sich Becky kurzentschlossen die Jacke ihrer Mutter über und rannte nach draußen. Erst auf den Hof schlüpfte sie in die viel zu großen Ärmel und passte auf, dass nichts im Dreck schleifte. Dann ging sie zu den Ställen. Anouk hätte Becky beinah nicht erkannt und freute sich über den unerwarteten Besuch.

Becky kam in den Stall und setzte sich neben Anouk auf eine Ecke der Jacke. Aus der Jackentasche holte sie das Handy heraus. Anouk schnüffelte neugierig daran. Doch Becky nahm mit einem Ruck das komische Ding weg, so dass Anouk erschrocken einen Schritt zurücktrat.

„Oh sorry, Anouk“ sagte Becky „dieser kleine Apparat ist von meiner Mutter. Sie darf nicht sehen, dass ich das es habe. Wenn sie wüsste …“ Mit ein paar schnellen Fingerbewegungen hatte sie die Telefonnummer von Vincent gefunden und drückte auf den grünen Knopf.

Die ersten drei Klingelzeichen schienen Becky eine Ewigkeit zu dauern. Dann meldete sich eine verschlafene Stimme mit einem „Ja!“. Becky wurde plötzlich unsicher. „Hallo, hier ist Becky“ sagte sie leise. Die Stimme am anderen Ende fragte missmutig und bereits ziemlich genervt: “Sorry, wer ist da???“. Becky fühlte, dass sie jetzt schnell handeln musste, ansonsten war alles verloren. Also sprudelte es nur so aus ihr heraus. Als sie ihre Geschichte beendet hatte und immer noch Stille am anderen Ende war, sank ihr Mut vollends. Sie schaute Anouk mit großen flehenden Augen an. Anouk glotzte mit noch größeren Augen zurück.

Da räusperte sich Vincent. „Ist deine Mutter in der Nähe?“. „Nein,“ schrie Becky „die darf doch von nichts wissen!“ Und danach kam nochmals ein flehendes „Ich habe so gehofft, dass DU mir helfen kannst.“ Wieder Stille. Dann brummte Vincent „Man o man, die liebe Familie. Nur Ärger. Aber, wenn ich dir nicht helfe, dann haben wir nicht nur Ärger am Hals, sondern eine echte Katastrophe.“ Es dauerte noch ein paar Sekunden und dann kam für Becky die erlösende Antwort: „Ok, ich helfe Dir!“

Becky war überglücklich. Als das Gespräch beendet war, berichtete Sie alles haarklein an Anouk. Anouk schloss halb die Augen und hörte andächtig zu. Ehrlich gesagt, verstand sie nicht einmal die Hälfte von dem, was Becky ihr völlig aufgeregt flüsternd erzählte. Sie bekam mit, dass sie zu einem Boot mussten, was auf sie wartete und das alles schrecklich kompliziert war. Anouk glotzte verständnisvoll.

Becky hatte es eilig. Sie wollte schnell zurück ins Haus, damit niemanden ihre heimliche Planung auffiel. Sie war supernervös. Beim Essen rutschte sie ständig auf ihrem Stuhl hin und her. Auch Anouk war etwas durcheinander. Nachdem Becky gegangen war, legte sie sich aufs Stroh und dachte noch über das Gesagte nach. Aber ganz ehrlich, sie konnte sich keinen richtigen Reim darauf machen.

Nach dem für sie scheinbar nicht enden wollenden Abendbrot ging Becky gleich auf ihr Zimmer. Jetzt konnte sie alles andere organisieren und mit ihrer Planung richtig beginnen! Wenn auch nicht in allen Einzelheiten war sie ihre Liste mit den Reisevorbereitungen schon in Gedanken durchgegangen. Alle, für die Reise notwendigen Sachen schrieb sie auf einen Zettel. Was da nicht alles zusammenkam! Die meisten Dinge waren glücklicherweise im Haus. Aber wie sollte sie alles transportieren? Sie konnte ja wohl schlecht ihren großen Koffer über das Feld hinter sich herziehen.

Nach und nach bekam sie auch ein schlechtes Gewissen, einfach klammheimlich mit Anouk von zu Hause wegzugehen. Sie ärgerte sich über sich selbst. Immerhin war sie nicht diejenige, die die Suppe eingebrockt hatte. Um sich auch selbst zu beruhigen, hatte sie sich vorgenommen, einen Brief an ihre Eltern zu schreiben, in dem sie alles erklärte. Das musste doch einfach jeder verstehen! Becky wollte mit Sicherheit keinen Polizeigroßalarm auslösen. Sie sah bereits die Schlagzeilen: „Kind und Kuh entführt“ oder ein Fahndungsfoto von Anouk „Vorsicht entlaufene Kuh! Hat ein kleines Mädchen in ihrer Gewalt!“. Bloß nicht auch das noch!

Anouk auf Reisen bei den Drachewolke Geschichten, Der Anruf

 

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