Eine Kuh auf einem Boot?

Anouk wurde beim ersten Morgengrauen wach. Sie fröstelte. Bis jetzt war sie nachts immer im Stall gewesen. In die Sonne blinzelnd leckte sie sich ein paar Tautropfen von ihrem Fell. Danach stand sie auf und begann ein ausgebreitetes Frühstück. Trotz ihrer Nacht unter freiem Himmel fühlte sie sich richtig wohl.

Auch Becky wurde früh wach. Sie fand ihre Koje immer noch prima. Vincent schlief im Raum nebenan, auf der ausgeklappten Bank. Sie hörte leise sein rhythmisches Schnarchen. Deshalb zog sie die Decke bis unter die Nasenspitze und döste noch ein wenig. Ihr gingen viele Dinge durch den Kopf. Wie ihre Mutter und ihr Vater wohl gestern reagiert hatten, als sie ihren Brief fanden? Sie dachte auch über das gestrige Gespräch mit Vincent nach.

Plötzlich wurde sie ganz kribbelig und sie hatte einfach keine Ruhe mehr, um liegen zu bleiben. Auf den Fußzehen schlich Becky in den anderen Raum. Von hier aus sah sie Anouk am Wegrand grasen. „Prima“, dachte sie. Vielleicht sollte sie auch Frühstück für Vincent und sich selbst machen? Sie stellte die Milch und alle anderen auffindbaren Sachen auf den Küchentisch, dazu Teller und Tassen. Vincent schlief immer noch. Er schlief auch immer noch, nachdem sie sich angezogen hatte. Vielleicht war er krank? Bei ihr zu Hause standen alle morgens zeitig auf. Deshalb rüttelte sie Vincent ein wenig, um zu sehen, ob alles in Ordnung war.

Allmählich kam Vincent zu sich. Er versuchte langsam die Augen zu öffnen und schaute auf den Wecker. „Es ist halb sieben“ grummelte er „noch mitten in der Nacht!“. Becky schaute erschrocken. Vincent musste wirklich krank sein! Was? Mitten in der Nacht?! Es war schon lange hell. Vielleicht hatte er etwas mit seinen Augen. „Soll ich den Arzt rufen, wenn du nicht mehr sehen kannst?“ fragte Becky arglos. Vincent schaute sie nun mit weit aufgerissenen Augen an und rief „Du bist wirklich verrückt! Ruf ja keinen Arzt! Höchstens für dich!“. Becky war zutiefst gekränkt.

Vincent stand langsam auf und taumelte zur Kaffeemaschine. Bald lief die dampfende braune Masse in die Glaskanne. Mit einer großen, vollen Tasse setzte er sich an den Tisch und seufzte: „Na, dann lass uns etwas essen, wir haben einen wirklich interessanten Tag vor uns!“ Becky langte zu. Morgens hatte sie immer Hunger. Und die Luft auf dem Wasser machte sie doppelt hungrig. Vincent trank seinen Kaffee, ohne einen Happen zu sich zu nehmen.

„Sag mal, musst du Anouk nicht melken?’ fragte er plötzlich mit einem spöttischen Lächeln. Becky schaute ihn verständnislos an. Vielleicht ist er doch krank, dachte sie. Naja, er war ein Erwachsener und deshalb sollte es zumindest so aussehen, dass sie ihn ernst nimmt. „Anouk ist noch viel zu jung dafür.“ antwortete Becky mit ernster Miene. „Ach so ist das!“ sagte Vincent zögernd und fügte nachdenklich hinzu „Also kein Kotelett und auch keine Milch …. Naja, dafür darf sie dann einen Ausflug auf meinen Boot machen …“

Als Anouk sah, dass Becky und Vincent vom Boot kamen, ahnte sie bereits, dass etwas passieren würde. Was wusste sie nicht, aber es machte sie unruhig. Sie beobachtete wie die beiden noch ein paar dicke Planken wuchteten, die das Ufer mit dem Boot verbanden. Vincent sprang sogar ein paar Mal darauf, um auszuprobieren, ob sie hielten und nicht verrutschten.

Anouk hatte sich gerade zum Wiederkäuen unter den Baum gelegt, als die beiden zu ihr kamen. Sie nahmen das Seil, an dem sie festgebunden war, und führten sie in Richtung Boot. Vor den Brettern, die als Brücke dienten, blieb Anouk ruckartig stehen. „Hier geht es für mich nicht mehr weiter!“ dachte sie und schaute zu Becky. Die balanciert jedoch auf dem wackligen Untergrund und probierte, Anouk zu sich zu ziehen.

„Das kann doch nicht! Niemals!!!“ dachte Anouk und stemmte ihre Hinterbeine in den Boden. Zur gleichen Zeit hob sie den Kopf und stieß ein ohrenbetäubendes „Muhhhh…“ aus. In ihrer ganzen Verwirrung fühlte sie auch noch zwei Hände auf ihrem Hinterteil. Das war Vincent und der rief zu Becky „Du ziehst und ich schiebe!“. Anouk bekam Panik. Das ging auf keine Kuhhaut! Ihre Panik veränderte sich mehr und mehr in Angst. Und wenn Anouk Angst hat, fühlt sie sich wirklich äußerst übel. Automatisch hob sie ihren Schwanz und ließ einen stinkenden Flatschen auf den Boden fallen. Das Gesicht von Vincent verlor plötzlich alle Farbe und wurde ganz weiß. Er drehte sich um und nun war auch ihm schlecht. Sofort schlug seine Laune um. „Du scheißendes Ungeheuer“ rief er und probierte dann, seine Wut zu unterdrücken.

Anouk, die völlig überfordert war, wusste nicht mehr, wie ihr geschah. Sie hörte noch das Fluchen von Vincent, doch gleichzeitig zog Becky auch am Tau. Ehe sie sich versah, stand sie auf dem Boot. Das machte das Ganze jedoch nicht besser. Alles schwankte unter ihren Füssen! Sie stieß wieder ein lautes Muhhhh… aus und erhob erneut ihren Schwanz, um einen grünlichen Flatschen fallen zu lassen. Becky wollte diesmal die Situation noch retten. Rasend schnell holte sie die Kehrschaufel und warf die stinkende grüne Masse über Bord.

Vincent sah immer noch kreidebleich aus. Er holte wortlos eine alte Abdeckplane und etwas Stroh. Daraus wurde notdürftig ein Lager für Anouk im hinteren, offenen Teil des Bootes hergerichtet. Becky probierte, Anouk zu überzeugen, um sich hinzulegen. Aber Anouk stand stocksteif auf allen ihren Vieren. Sie hatte eine so verlahmende Angst, als ob, auch nur bei der kleinsten Bewegung, eine Katastrophe passieren würde. Dass Becky leise auf sie einredete und streichelte, merkte sie deshalb fast nicht. Ihre aufgerissenen Augen starrten regungslos zu dem Baum am Ufer, unter dem sie heute Morgen noch so unbeschwert gestanden hatte.

Nur langsam kam Anouk wieder zu sich. Becky hielt sie immer noch fest. Vincent stand mit einer Tasse dampfenden Kaffee gegenüber. Jetzt, wo die Starre sich löste, fing sie am ganzen Körper an zu zittern. Langsam legte sie sich hin und Becky setzte sich zu ihr. „Na, da kann ja die Fahrt beginnen!“ pfiff Vincent durch die Zähne. Zum Glück hatte er nun eine viel bessere Stimmung. Er ging in die Kajüte und rief noch „Kuh Ahoi“. Anouk und Becky schauten ihm mit gemischten Gefühlen hinterher.

 

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