Anouk bleibt an Land

Anouk hatte die Strapazen des Tages fast schon vergessen. Ihr Fell war wieder sauber und trocken. Sie hatte sich den Magen vollgeschlagen, so dass ein angenehm wohliges ihren ganzen Körper erfasste. Darum dauerte es auch nicht lange bis sie im Schatten des Baumes, unter dem sie lag, eingeschlummert war.

Auch Becky war auf dem Boot in einen kurzen und tiefen Schlaf gefallen. Als sie wieder wach wurde, wusste sie im ersten Moment gar nicht so richtig, wo sie war. Die Koje, in der sie lag, war behaglich warm und durch das kleine runde Fenster fiel das letzte Abendlicht. Es war so gemütlich, dass Becky eigentlich gar keine Lust hatte aufzustehen. Deshalb kuschelt sie sich wieder in ihre Decke.

Dann hörte sie von nebenan die Stimme von Vincent. Wahrscheinlich telefonierte er – irgendetwas, wie keine Sorgen machen und alles ist ok. So richtig konnte sie es nicht verstehen, da ihr Magenknurren immer lauter wurde. Sie fühlte jetzt erst richtig, was für einen Riesenhunger sie hatte. Also wurstelte sie sich aus ihrer Decke und zog sich den Jogginganzug an. Gut, dass Vincent ihre Taschen neben das Bett gesetzt hatte.

Dann schaute Becky sich um. Ihr Schlafzimmer war wirklich sehr klein. Außer der Koje und einem eingebauten Schrank, bei dem die Farbe abbröckelt, gab es eigentlich nichts weiter. Doch irgendwie war es heimelig, auch durch das Geräusch der Wellen, die im sachten Takt gegen die Bootswand schlugen.

Sie ging durch die schmale Schiebetür und sah Vincent bei zwei Kochplatten stehen. Der Raum war etwas größer als ihr Schlafzimmer, jedoch bis unter die Decke mit allerlei Dingen vollgepackt. Da war eine Sitzecke mit einem kleinen Tisch, eine Art Küche mit allerhand herumliegenden Kochsachen, eine Ecke mit einem Schlagzeug, einer Trompete und einer Gitarre …

Vincent bemerkte Becky und lächelte etwas schief. „He, hast du schon ausgeschlafen? Ich koche gerade Spagetti. Hast du vielleicht Hunger?“ Becky’s Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Oh, jaaa!“ und „Gerne.“ fügte sie noch hinzu. Plötzlich dachte sie wieder an ihre Kuh. „Wo ist Anouk?“ fragte sie mit hervorgepresster Stimme. Ohne zu antworten, zeigte Vincent nach draußen und nickte Becky ermunternd zu.

Anouk wurde von dem Geräusch eines dumpfen Aufschlages wach. Noch halb verschlafen, sah sie Becky auf einem Holzbrett balancierend vom Boot kommen. Anouk war glücklich. Jetzt würden sie sicher wieder nach Hause gehen und alles würde gut.

Becky setzte sich neben Anouk auf den Boden und erzählte ihr, dass morgen die große Reise beginnen würde. Doch Anouk begriff sie nicht und sah sie nur mit ihren großen runden Augen freundlich an. Dabei kaute sie auf ein paar Grashalmen.

Langsam breitete sich die Dunkelheit aus. Ein sachter Wind strich über die Felder. Anouk lag geschützt am Fuß eines kleinen Abhangs unter dem Baum. Nachdem Becky wieder gegangen war, schlummerte sie schnell ein und träumte von den anderen Kühen zuhause. Dabei schnarchte sie selbst ein wenig.

Als Becky wieder zurück auf das Boot kam, standen die Spagetti bereits auf dem Tisch. Vincent setzte die Sauce Bolognese dazu. Er musste sie nicht zweimal auffordern, um zuzugreifen. Becky aß und aß; als ob ihr Magen nur ein großes schwarzes Loch war, indem alles verschwinden konnte. Sie mampfte selbst so viel in sich hinein, dass ihr beinah übel wurde.

Nach dem Essen sah Vincent sie eindringlich an und fragte „Und nun …?“. Becky zuckte mit den Schultern und sagte, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt: „Wir fahren mit deinem Boot in die Schweiz. Bei Oma wird es dir sicher gefallen. Da hast du auch viel Ruhe, um mit deinen Instrumenten zu üben…“. Becky stoppte kurz, um die Reaktion von Vincent einzuschätzen. Der sagte jedoch nur „So, so, du hast also an jeden gedacht.“ Beckys Antwort kam prompt „Ja, sicher!“.

Dabei wusste Becky nicht genau, ob Vincent sauer war oder insgeheim über sie lachen musste. Auf jeden Fall freute er sich nicht über die Situation. Das war offensichtlich. „Okeee …“ sagte er lang gezogen. „Und Anouk soll mit auf mein Boot? Soll sie vielleicht mit dir in der Koje schlafen?“. Jetzt wartete er kurz auf die Reaktion von Becky. „Unsinn“ sagte diese schnippisch und wunderte sich wieder einmal, was für doofe Fragen Erwachsene manchmal stellen konnten. Doch bei näherem Nachdenken war es vielleicht doch nicht ganz so einfach einen geeigneten Schlafplatz für Anouk zu finden. Für sie war es immer ganz selbstverständlich gewesen, dass Anouk mit aufs Boot kam. Warum denn auch nicht? Doch nagten jetzt kleine Zweifel bei Becky. Wo sollte die Kuh eigentlich hin? Und was passiert, wenn Vincent doch nicht auf ihren Plan einging?

 

Anouk auf Reisen bei den Drachewolke Geschichten

 

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