Ankunft von Becky und Anouk beim Boot

Plötzlich leuchteten die Augen von Becky auf. „Ich sehe den Kanal“ sprudelte es nur so aus ihr heraus. Erleichtert stellte sie fest: „Jetzt nur noch bis zu der alten Anlegestelle beim Fährübergang“. Dann fügte sie schon etwas nachdenklicher hinzu „Hoffentlich ist Vincent da …hoffentlich, hoffentlich, bitte, bitte …!“.

Becky ging zusammen mit Anouk eine paar hundert Meter am Wasser entlang. Da sahen sie ein Boot liegen. Es schaute wie eine Barkasse aus – jene Boote, die oft für kleinere Hafenrundfahrten benutzt werden. Es war grün und dunkelrot gestrichen. Der kleine Aufbau am hinteren Teil war mit einer Plane verlängert. So konnte man geschützt vor Regen und Sonne darunter sitzen.

Becky war im ersten Moment enttäuscht. Das war sicher nicht das Boot von Vincent!  Wobei sie eigentlich gar keine Ahnung hatte, wie sein Boot ausschaute. In ihren Vorstellungen sah sie vor ihren Augen eine, vielleicht nicht mehr ganz neue, aber doch elegante Motorjacht. Bei diesen Gedanken wurde ihr auch ein ganz anderes Problem wieder bewusst. Wie sollten sie Anouk auf so ein Boot bekommen und wo sollte sie auf dem Boot bleiben? Sie fühlte sich plötzlich unheimlich hilflos. Langsam, mit gesenktem Kopf trottete sie mit ihrer Kuh im Schlepptau weiter.

Abrupt wurde sie jedoch durch das Rufen ihres Namens aus den Gedanken gerissen. Ein junger Mann kam auf sie zugelaufen. „Eh, du bist doch sicher Becky!“. Becky wunderte sich. „Woher weißt du das?“ fragte sie und guckte ganz verwundert. Mit noch größeren Glubschaugen guckte Anouk. Sie fragte sich, was jetzt schon wieder vor sich ging.

Vincent lachte. „Na, was denkst du, wie viele Mädchen mit ihrer Kuh hier spazieren gehen?“. Ja, natürlich! Wie dumm von ihr! Jetzt erkannte sie ihn. Becky hatte Vincent ganz anders in Erinnerung gehabt. Es war ja auch schon lange her, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Das Lachen von Vincent verzog sich plötzlich zu einer Grimasse. Dann fragte er mit unterdrückten Lachen „Musstet ihr auch gleich Tarnkleidung anziehen?“ und musterte belustigt Becky und Anouk, die von oben bis unten mit Dreck vollgespritzt waren. Plötzlich wurde er jedoch ernst „So kommt ihr nicht an Bord!“

Becky war so erschöpft, dass sie nicht mehr anders reagieren konnte, als zu heulen. Die Tränen liefen nur so über ihr Gesicht und hinterließen schmale, helle Streifen. Vincent rollte die Augen nach oben und drehte sich um. Er ging an Bord seines Bootes und kam sofort mit einem Eimer, einer Bürste und einer Decke zurück. „So, Rebecca“ sagte er, wobei Becky erschrocken aufschaute. Wenn jemand sie mit ihrem vollen Namen ansprach und dann noch in diesem Ton, wurde es wirklich seriös.

„Du ziehst die dreckigen, nassen Sachen aus und hängst dir die Decke um.“ Becky machte, was ihr gesagt wurde. Nur noch in Unterwäsche verkroch sie sich erleichtert unter die Decke. Vincent nahm ihre Sachen und die Taschen. Zusammen gingen sie an Bord. Becky protestierte noch kurz indem sie fragend sagte: „Aber Anouk?!“. Vincent antwortete nur mit einem langgezogenen „Jaaa, jaaa.“ und schaute kurz zu ihr.

„Also eine Kuh in Form eines Koteletts ist wirklich handlicher“ Becky schaute erschrocken und böse zugleich. Vincent beschwichtigte sie „Eh, war doch nur ein Scherz. Aber wo ich Recht habe, habe ich Recht …“.

Er brachte Becky in die Kajüte, wo eine Packung Schokomilch und ein paar Kekse und Bananen auf dem Tisch lagen. „Das ist für dich“ sagte Vincent „Ruhe dich aus und esse was! Ich kümmere mich inzwischen um Anouk. Becky setzte sich auf die Bank. Sie merkte erst jetzt, wie unendlich durstig, hungrig und müde sie war.

Anouk stand noch neben den Boot. Als Becky und Vincent gegangen waren, starrte sie noch lange zu dem Punkt, wo die beiden verschwunden waren. Sie fühlte sich entsetzlich. Was sollte sie jetzt tun? Ihr tat alles weh, sie war von oben bis unten in Dreck einzementiert, sie hatte Hunger und war nun zu guter Letzt auch noch mutterseelenallein. Sie stieß ein verzweifeltes und langgestrecktes „Muhhhh …“ aus.

Da kam Vincent bereits zurück. „Ach, halt die Klappe!“ brummte er „Wir machen dich jetzt erstmal sauber!“. Er schöpfte mit dem Eimer Wasser aus dem Kanal. Anouk band er an einem Baum, der ein paar Meter entfernt stand, fest und begann sie mit der Bürste und dem Wasser abzuspülen und abzuschrubben. Die kleine Kuh stand vor Schreck starr wie eine Steinsäule. Es war kalt und prickelte unangenehm. Andererseits war es auch ein gutes Gefühl, dass sie endlich von der klebrigen Kruste befreit wurde.

Vincent musste noch ein paar Male Wasser holen, bevor er mit seiner Arbeit zufrieden war. Anouk fühlte sich jetzt wirklich besser. Und als der Strick gelockerte wurde und sie die saftigen Kräuter am Wegrand fressen konnte, war sie schon wieder ein wenig mit sich und der Welt versöhnt. Sie fraß und fraß, ohne an etwas zu denken, und dämmerte so ein bisschen vor sich dahin.

Anouk auf Reisen bei den Drachewolke Geschichten

 

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